Der ultimative Leitfaden zu
Bohça

Emotionen verpackt in Stoff

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Geschichte und Kultur

Wie die japanischen Furoshiki und Fukusa sowie die koreanischen Bojagi sind auch die türkischen Bohça quadratische Stofftücher, die zum Verpacken verschiedener Waren und Geschenke verwendet werden. Das Wort Bohça leitet sich vom alttürkischen Wort „boğ“ („spannen“, „abschnüren“) mit dem Suffix „ça“ ab (welches als „ähnlich wie“ verwendet wird) und ist synonym mit dem alttürkischen boχtay „boğum-lu“, das Kleidungspaket oder Bündel bedeutet.

DIE GESCHICHTE DER BOHÇA

Bohça haben eine besondere Bedeutung in der reichen Kultur der Türkei. Es wird angenommen, dass sie im 11. Jahrhundert entstanden sind, obwohl die älteste bekannte schriftliche Verwendung dieses Wortes (boğça) im Wörterbuch Câmi-ül Fürs (1501) zu finden ist, das erstellt wurde, um den Türken zu Beginn des 16. Jahrhunderts die persische Sprache zu lehren.

Es wird angenommen, dass Bohça während der Nomadenzeit (die im 5. Jahrhundert begann und bis ins 12. Jahrhundert andauerte) als praktische Notwendig­keit des aktiven Lebensstils der Nomadenkultur entstand. Türkische Nomaden sammelten Artefakte und bewahrten ihre Habseligkeiten in leichten, schnell einsetzbaren und transportablen Bohça, Satteltaschen und Truhen auf. Die Türken, die in Siedlungen lebten, bündelten ihre wertvollen Besitzstände wie Schmuck, Kleidung und Mitgift darin.

Bohça wurden zu Beginn der osmanischen Zeit (1299 bis 1922) immer beliebter. Die Menschen fingen an, Besitzstände und Geschenke, egal wie groß oder klein, in ein Tuch zu wickeln. Der wiederverwendbare Stoff wurde auch genutzt, um der Person - der das Geschenk überreicht wurde - den Wert des Geschenks zu vermitteln. Nach der osmanischen Zeit verblasste die Verwendung dieser Stoffhüllen von Tag zu Tag. Heutzutage sieht man sie selten und wenn, dann bei Verlobungen und Hochzeiten. Türkische Bürger verwenden sie nicht, um gewöhnliche Geschenke darin zu verpacken.

TRADITIONELLE STOFFE, FORMATE, GRÖßEN UND FARBEN DER BOHÇA

Stoffe und Größen der Bohça variieren, aber ihre Form bleibt immer quadratisch. Feste Größen wie bei Furoshiki gibt es nicht, da Bohça für besondere Anlässe angefertigt wurden.

Während der ideale Stoff im Allgemeinen robust und dick genug ist, um die Ware zu schützen, muss er sich auch handhaben lassen, um die Enden miteinander zu verknoten. So war Baumwolle ein oft langlebiger und beliebter Stoff für den täglichen Gebrauch.

Bestickte Seidenstoffe werden häufig für Braut- und Mitgiftbündel sowie für kostbare Produkte verwendet, da die dünnen, empfindlichen Tücher nicht stark genug sind, um Gegenstände des täglichen Gebrauchs zu halten, und zudem den Inhalt offenbaren können, wenn sie zu durchsichtig sind.

Bohça Seidenwickeltuch

Für Bohça werden keine bestimmten oder festgelegten Farben verwendet. Bohça, die für Hochzeiten verwendet werden (Gelin Bohçası, Damat Bohçası, Nişan Bohçası, Çeyiz Bohçası), sind immer weiß. Die Tücher für andere Anlässe variierten in ihrer Farbe.

TRADITIONELLE MUSTER ALS REICHE KUNST DER BOHÇA

Abhängig von den geografischen Unterschieden in der sozialen Umgebung (Zentralasien, Islam und anatolische Zivilisationen), aus denen sie genährt wurden, konnten Bohça äußerst unterschiedlich aussehen. Die türkischen Stickereien, die mit Mustern aus diesen vielfältigen Quellen bestickt wurden, sind unglaublich abwechslungsreich und zeichnen sich durch eine Fülle an unterschiedlichen Designs aus. Bohça, die mit floralen Motiven und Vogelfiguren, geometrischen Formen, osmanischen Stilen und verschiedenen Farbharmonien geschmückt wurden, sind daher eine wahre Augenweide.

Besticktes Bohça Wickeltuch

Passend zur Einzigartigkeit ihrer Muster weisen die Stickereien auf diesen Tüchern eine große Bandbreite an Applikationen (Perlen, Bänder, Pailletten, Perlen u.v.m.), Materialien (Metallfäden, manchmal sogar Goldfäden) und Applikationsmethoden in einer extrem satten Optik auf. Diese türkische Kultur kann daher als filigrane Handarbeit angesehen werden und zeigt die größten Beispiele der türkischen Handarbeitskunst.

TRADITIONELLE ANWENDUNGS­MÖGLICH­KEITEN DER BOHÇA

In der Antike wurden Bohça verwendet, um Kleidungsstücke oder Waren zu verpacken, sodass diese transportiert oder in Schränken, Schubladen oder Truhen aufbewahrt werden konnten. Die quadratischen Stoffverpackungen erhielten ihren Namen entsprechend ihrer Funktion. Beispiele sind das Hamam Bohçası (Badebündel), Gelin Bohçası (Brautbündel), Damat Bohçası (Bräutigambündel), Nişan Bohçası (Verlobungsbündel), Çeyiz Bohçası (Mitgiftbündel), Zarf Bohça (Umschlagbündel), Bohça Çanta (Tragetasche), Bebek Doğdu Bohçası (Baby-Shower-Bündel), Giysi Bohçası (Kleiderbündel), Yıkama Bohçası (Wäschebündel), Mendil Bohçası (Taschentuchbündel) und Çorap Bohçası (Sockenbündel).

Einige Beispiele dieser Bohça-Traditionen sind wie folgt.

HAMAM BOHÇASI - BADEBÜNDEL

Türkische Hamams wurden in der Seldschuken-Dynastie (1104 bis 1307) äußerst beliebt und blieben dies bis in die osmanische Zeit (1299 bis 1922). In dieser Epoche spielte das türkische Bad (Brautbad, Wochenbettbad) eine äußerst wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben der türkischen Frauen, die das Bad einmal wöchentlich oder zu besonderen Anlässen besuchten. Während ihres Aufenthalts konnten sie Klatsch und Tratsch mit den anderen Frauen austauschen und ihren Reichtum und ihre Geschicklichkeit präsentieren. Infolgedessen wurde dem Hamam Bohçası große Aufmerksamkeit geschenkt, in dem die während des Aufenthalts im Hamam benötigten Gegenstände verpackt wurden. Das traditionelle türkische Badeset umfasste ein Handtuch, eine Seife, einen Badehandschuh, einen Bimsstein, eine Haarbürste, eine Kupferschale sowie Kleidung, die nach dem Baden angezogen werden sollte. Hamams sind auch heute noch sehr beliebt, aber niemand nutzt mehr Hamam Bohçası.

Hamam Bohçasi

GELİN BOHÇASI - BRAUTBÜNDEL
DAMAT BOHÇASI - BRÄUTIGAMBÜNDEL

Wenn sich ein türkisches Paar verlobt, wird es von ihren Familien beschenkt. Das Brautbündel (genannt Gelin Bohçası) und das Bräutigambündel (genannt Damat Bohçası) beinhalten Geschenke für die Braut und den Bräutigam. Diese Tradition begann, um auf die Bedürfnisse des Paares einzugehen, aber auch, um den Familien zu ermöglichen, sich gegenseitig kennenzulernen und näher zu kommen. Durch den Kauf von Unterwäsche und Socken, einem Paar Hausschuhen und Schuhen, einem Schlafanzug oder Nachthemd, einem Bademantel, einem Spiegel und einem Kamm, einem Schminkset, Cremes, Parfums, Kleidung und sogar Schmuck, zeigt das Paar und seine Familie, dass sie gelernt haben, was die Gegenseite mag und welche Größen das Paar hat. Die Geschenke für den Bräutigam schließen das Schminkset natürlich aus und enthalten stattdessen beispielsweise Manschettenknöpfe.

Gelin Bohçasi

NIŞAN BOHÇASI – VERLOBUNGSBÜNDEL

Das Nişan Bohçası (Verlobungsbündel) hingegen beinhaltet die Geschenke für die Familien des Brautpaars. Sie wurden in das angefertigte Nişan Bohçası gewickelt und an einem vorher festgelegten Tag von den Familien ausgetauscht. Der Inhalt dieser Bündel hing von der beschenkten Person ab. Es war üblich, Dinge zu verschenken, die im täglichen Leben verwendet werden konnten. Beispielsweise Hausschuhe oder Kleidung, Schals und Kopfbedeckungen oder Ähnliches. Den Beschenkten wurde normalerweise jeweils ein Bündel überreicht, es war jedoch auch möglich, die Geschenke für zwei Schwestern oder Brüder in einem solchen Tuch unterzubringen.

Nişan Bohçasi

ÇEYİZ BOHÇASI - MITGIFTBÜNDEL

In der türkischen Hochzeitstradition sind Bohça auch entscheidend für die Aufbewahrung der Mitgift - der Haushalts- und Küchenutensilien der Braut, sowie bestickte oder mit Spitze verzierte Bettwäsche, Handtücher, Schmuck und Kleidung.

Diese (meist sehr wertvollen und nicht alltagstauglichen) Gegenstände wurden in bestickten und dekorierten Çeyiz Bohçası verpackt, die für die Verlobung vorbereitet und zunächst im Haus der Braut ausgestellt und dann am Tag vor der Hochzeit zum Haus des Bräutigams getragen wurden, wo sie auch wieder ausgestellt wurden. In einigen Regionen fand dieser Brauch nach der Feier statt.

Çeyi̇z Bohçası

Das von der Seite des Bräutigams entworfene Brautkleid und der von der Seite der Braut angefertigte Anzug des Bräutigams wurden ebenfalls vor der Zeremonie im geschmückten Çeyi̇z Bohçası (vorzugsweise im selben Design und derselben Dekoration) zu den Häusern beider Parteien geliefert.

Die Çeyi̇z Bohçası sowie ihre Verzierungen wurden verwendet, um den Reichtum der Familie der Braut zu zeigen, und waren daher eine Quelle des Stolzes. Da die Familie des Bräutigams nur das Brautkleid in einem solchen Çeyi̇z Bohçası verpackte, zeigte sie ihren Reichtum durch die Gelin Bohçası mit Geschenken für die Braut, die Nişan Bohçası mit Geschenken für ihre Familie, die Ausgaben für die Zeremonie und ihr Haus (in dem das Brautpaar nach der Hochzeit wohnte).

ZARF BOHÇA - UMSCHLAG FÜR GESCHENKE UND WERTSACHEN

Ähnlich einem Fukusa ist das Zarf Bohça eine sehr ordentliche Verpackungsart, um Geschenke zu überreichen oder Wertgegenstände aufzubewahren. Die bestickten Stoffe werden ähnlich einem Umschlag gefaltet, und das Geschenk oder die Wertgegenstände werden so darin eingewickelt.

Zarf Bohça

BOHÇA ÇANTA - TASCHE ZUM TRAGEN VON GEGENSTÄNDEN

Wie bei Furoshiki können Bohça Çanta verwendet werden, um Produkte zu transportieren, die beispielsweise im Lebensmittelgeschäft oder auf dem Bauernmarkt gekauft wurden, da sie sich gut in dieser umweltfreundlichen Tragetasche - die auf alle beliebigen Größen einstellbar ist - unterbringen lassen.

FALT- UND VERPACKUNGS­ARTEN FÜR BOHÇA

Je nach Anwendungsfall gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, ein Bohça zu falten und zu binden. Wir erläutern diese im Detail und mit Bildern, aber du kannst auch unseren Blog oder unsere sozialen Kanäle (Instagram, Pinterest, Youtube, and Facebook) besuchen, um dir einige Anleitungen anzusehen und noch mehr Ideen und Inspirationen zum Verpacken eines Geschenkes mit Stoff zu erhalten. Wir zeigen auch Video-Tutorials zu den verschiedenen Knotentechniken, falls du mit den Namen der Knoten nichts anfangen kannst.

BOHÇA - VERPACKUNG FÜR GESCHENKE UND ANDERE GEGENSTÄNDE

Ähnlich wie bei Furoshiki kannst du mit dieser Methode alles und überall einwickeln, ohne eine Schere, Klebeband, Bänder oder sogar einen Tisch zu verwenden. Die Falttechnik ist grundsätzlich identisch mit der aus der japanischen Geschenkverpackungs-Tradition bekannten Yotsu Musubi Technik. Yotsu Musubi Technik.

Wie man ein Bohça bindet

Breite den Stoff dafür aus und lege den zu verpackenden Gegenstand auf die Diagonale in der Mitte des Stoffes. Die diagonale Länge des Stoffes sollte mindestens das Dreifache der Länge des zu verpackenden Artikels betragen.

Bei rechteckigen Gegenständen musst du die gegen­über­liegen­den Ecken des Stoffes auf beiden Seiten der längsten Seite des Gegenstands hochziehen und dann mit einem halben oder doppelten Knoten zusammenbinden. Wiederhole den Vorgang anschließend mit den verbleibenden beiden Ecken und bilde dieses Mal jedoch einen doppelten Knoten (Altweiberknoten) oder Kreuzknoten, um sicherzustellen, dass der Knoten an Ort und Stelle bleibt und sich der Stoff nicht ungewollt auflöst. Wenn das Objekt quadratisch ist, spielt es keine Rolle, welche der beiden gegenüberliegenden Ecken zuerst zusammengebunden werden, da alle Seiten gleich lang sind.

ZARF BOHÇA - UMSCHLAG FÜR GESCHENKE UND WERTSACHEN

Diese Wickeltechnik kann mit der japanischen Tradition des Faltens von Kinpū Fukusa (Furoshikiartige Fukusa) verglichen werden. In Japan wird sie Hira Tsutsumi genannt.

Wie man ein Zarf Bohça bindet

Der Stoff wird hierfür so ausgebreitet, dass die Seite des Stoffes, die später gezeigt werden soll, nach unten zeigt. Platziere den Artikel danach auf der diagonalen Achse des Stoffes direkt unter der Mittellinie und falte die untere Ecke nach oben. Falls die Ecke des Stoffes den zu verpackenden Gegenstand überlappt, stecke den Stoff unter das Geschenk, damit der Stoff nicht verrutscht. Falte anschließend die rechte Seite des Stoffes weiter über das Geschenk und schlage ihn bei Bedarf ein, dann mache dasselbe mit der linken Ecke. Falte nun das Geschenk um und bedecke es mit dem restlichen Stück Stoff, um den Umschlag-Look für dein Geschenk zu vervollständigen. Wenn du den Stoff sichern möchtest, kannst du ein Geschenkband um die Verpackung wickeln.

BOHÇA ÇANTA - TASCHE ZUM TRAGEN VON GEGENSTÄNDEN

Das Binden eines Bohça Çanta kann mit dem japanischen Verpackungsstil Katakake Fukuro verglichen werden. Es ist im Grunde das gleiche Verfahren, nur wird der Stoff hier nach dem Verknoten der Seiten auf links gedreht.

Wie man ein Bohça Çanta bindet

Um eine Tragetasche zu formen, breitest du den Stoff aus und lässt die Seite des Stoffs, die später sichtbar sein soll, nach oben zeigen. Dann ziehst du die obere und untere Ecke zusammen, wodurch der Stoff in der Mitte gefaltet wird und eine dreieckige Form bildet.

Knote anschließend die beiden unteren Ecken des Dreiecks mit einem Überhandknoten (einzelner Knoten), auf in etwa 1/4 der Länge zur Ecke. Drehe den Stoff danach auf links, indem du die beiden oberen Ecken auseinander ziehst und umschlägst. Nun müssen nur noch die beiden unteren Knoten in die Seiten gesteckt und die beiden verbleibenden Enden mit einem Kreuzknoten zu einem Tragegurt für die Tasche geknotet werden.

SCHLUSSWORTE

Bohça wurden von Menschen jeden Alters hergestellt, um ihre Besitztümer ordentlich aufzubewahren und zu organisieren oder Geschenke zu verpacken. Besonders die Bohça, die von türkischen Frauen bei Verlobungs- und Hochzeits­zeremonien sowie zur Aufbewahrung der Mitgift angefertigt wurden, erzählen Geschichten aus ihrem Leben sowie von ihren Emotionen und können als Kunstform angesehen werden.

Die Freuden, das Glück, die Geduld und die Hoffnungen des türkischen Volkes, insbesondere ihrer jungen Damen, werden mit diesen Stofftüchern dargestellt. Da Bohça das Ergebnis ihres Lebens und ihrer Erfahrungen sind, sehen sie nicht nur sehr hübsch aus, sondern sind vollgepackt mit Reichtum und Emotionen.